"Faire Milch" = faire Preise?

Stand:
"Faire Milch" gibt es in den Regalen der Supermärkte und Discounter von verschiedenen Marken. Doch was steckt dahinter und wie viel von den fairen Preisen kommt am Ende bei den Milchviehhöfen an?
Frau gießt Milch aus einer Kanne in ein Glas auf einem Feld

Das Wichtigste in Kürze:

  • Bezahlt werden die Landwirt:innen von den Molkereien, die Milch an den Lebensmitteleinzelhandel verkaufen. Durch den intensiven Wettbewerb am Markt gibt es stark schwankende Milchpreise.
  • Bei niedrigen Milchpreisen können viele Milchviehhöfe ihre Kosten nicht decken und machen Verluste.
  • Beim Einkaufen können Sie selten erkennen, wie viel vom Milchverkaufspreis bei den Erzeugerbetrieben ankommt.
  • Wir haben verglichen, welche Preise die in NRW angebotenen "fairen Milchmarken" bezahlen.
On

Verbraucherpreis ist nicht gleich Auszahlungspreis

56.000 Milchbetriebe mit ca. 4 Millionen Milchkühen produzieren in Deutschland Milch. Die Landwirt:innen verkaufen ihre Milch an die Molkereien. Diese vertreiben die fertige Trinkmilch an den Lebensmitteleinzelhandel (LEH). Der LEH schlägt eine Kosten- und Gewinnmarge auf, daraus ergibt sich der Verkaufspreis in Supermärkten und Discountern.

Der intensive Wettbewerb im LEH und das relativ große Milchangebot auf dem Markt führen zu stark schwankenden Milchpreisen. In den vergangenen zehn Jahren sind die Milchpreise mehrfach so stark gesunken, dass die Milchbetriebe kaum ihre Kosten decken konnten. Wegen niedriger und nicht kostendeckender Preise haben seit dem Jahr 2000 rund 65.000 Betriebe aufgegeben.

Das Büro für Agrarsoziologie und Landwirtschaft hat für die Jahre 2015-2019 berechnet, dass zwischen Produktionskosten und Auszahlungspreis – egal ob für konventionelle oder Bio-Milch – 25 Prozent Verlust bleiben. Auch, weil seit einigen Jahren die Produktionskosten für Milch durch höhere Preise für Dünge- und Futtermittel, Energie sowie Klima- und Tierwohlmaßnahmen steigen. Wie hoch die Produktionskosten für die Milch sind, hängt vom Betrieb, Standort und den Bedingungen vor Ort ab. Die Bio-Milchproduktion ist wegen ökologischer Anforderungen und Tierwohl-Standards teurer als die Produktion konventioneller Milch.

Seit 2020 steigen die Auszahlungspreise an die Milcherzeuger:innen und damit auch der Preis für Milch im Handel. So mussten Verbraucher:innen im Jahr 2021 ca. 14 Prozent mehr für konventionelle Milch zahlen als im Vorjahr. Dennoch sind die Milchpreise noch lange nicht fair.

Viele wollen faire Preise für Milcherzeuger:innen zahlen, wenn diese auch tatsächlich dort ankommen. In den Supermärkten und Discountern in NRW gibt es verschiedene Milchangebote, die mit einem zusätzlichen Aufpreis bzw. Erlös für die Landwirt:innen werben. Wir haben im Januar 2022 verglichen, was hinter diesen Angeboten steckt. Die nachfolgend angegebenen Preise sind Nettopreise (ohne landwirtschaftliche Vorsteuer).

Faire Milch im Handel

Wie sich der Preis der Milch zusammensetzt, ist meist ziemlich undurchsichtig. Es ist für Sie beim Einkaufen kaum nachzuvollziehen, ob der Mehrpreis der fairen Milch tatsächlich bei den Erzeuger:innen ankommt. Denn es gibt kaum Auskunft darüber, wie viel Geld an die Milchhöfe gezahlt wird. Positiv heben sich mit mehr Informationen die Bio-Milch der Verbrauchermarke "Du bist hier der Chef", die Molkerei Schwarzwaldmilch und die Bergbauernmilch des Berchtesgadener Lands hervor.

sternenfair

Die konventionellen H-Milch und Milchprodukte von "sternenfair" werden in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und NRW angeboten. Die Milcherzeuger:innen erhalten hier 40,15 bis 44,15 Cent pro Kilogramm Milch (2021). Stiftung Warentest urteilt, dass Aufschläge gut belegt und rückverfolgbar seien. Allerdings wird nur ein Teil der Milch, die Vertragspartner:innen an die Molkerei liefern, als "sternenfair" vermarktet. Angesichts der steigenden Milchpreise plant "sternenfair" eine Erhöhung der Auszahlungspreise im Februar 2022.

Die Faire Milch

Die Faire Milch ist ein Projekt des Bundesverbandes deutscher Milchviehhalter (BDM). Der BDM schreibt pro Liter konventioneller Milch einen Grundpreis von 45 Cent fest. Bei Bio-Weidemilch werden nach eigenen Angaben 58 Cent pro Liter gezahlt. Dieser Grundpreis richtet sich nach den aktuellen Milcherzeugungskosten, dem Milch-Marker-Index (MMI). Laut Stiftung Warentest ist die Auszahlung jedoch nur lückenhaft rückverfolgbar. Hofbetreiber:innen werden nicht nach verkaufter Menge bezahlt, sondern erhalten eine Gewinnausschüttung auf ihre Genossenschaftsanteile.

Berchtesgadener Land

Von rund 1.800 Milchviehhalter:innen aus der südbayerischen Berg- und Alpenregion stammt die Milch von Berchtesgadener Land. Sie erhalten einen höheren Preis für die Milch als üblich. Die Molkerei Berchtesgadener Land führt auf ihrer Internetseite folgende Milchpreise Milcherzeuger:innen auf (Ø 2021): 42 Cent pro Kilogramm konventioneller Milch, 43 Cent pro Kilogramm Bergbauern-Milch, 53,5 Cent pro Kilogramm Bio-Naturland-Milch sowie 55,5 Cent für ein Kilogramm Bio-Demeter-Milch.

"Du bist hier der Chef"

Mehr als 9.300 Verbraucher:innen hatten vor dem Start der Milch über Qualität, Regionalität, Tierwohl, Verpackung und Vergütung für die Milchbauern abgestimmt. Die Bio-Milch kostet 1,45 Euro und der Preis setzt sich wie folgt zusammen:

  • 0,58 Euro an die Landwirte
  • 0,70 Euro für Molkerei, Verpackung, Logistik und Handel
  • 0,07 Euro an "Du bist hier der Chef"
  • 0,10 Euro an Mehrwertsteuer.

Die Landwirt:innen bekommen also eine Vergütung von 58 Cent pro Kilogramm. Wenn notwendig stimmen die derzeit mehr als tausend Vereinsmitglieder über eine Erhöhung der Auszahlungspreise ab. Die unverbindliche Preisempfehlung von 1,45 Euro ist auf der Verpackung aufgedruckt, damit der Handel möglichst keinen höheren Preis festsetzt.

Schwarzwaldmilch

Die Molkerei Schwarzwaldmilch geht mit ihren Auszahlungspreisen transparent um und informiert dazu auf ihrer Homepage. So erhielten Erzeuger:innen 2021 durchschnittlich für konventionelle Milch 40,32 Cent pro Kilogramm und für Bio-Milch 56,03 Cent pro Kilogramm.

Ein Herz für Erzeuger

Einen anderen Ansatz verfolgt Netto mit seiner Marke "Ein Herz für Erzeuger". Seit 2008 werden konventionelle Milch sowie Emmentaler Käse und Mozzarella mit einem Preisaufschlag von 10 Cent pro Packung angeboten. Was Sie beim Einkauf nicht erkennen können: Die Werbung suggeriert, dass die Milcherzeuger:innen einen Aufschlag von 10 Cent bekommen. Die Höhe des Aufschlags richtet sich jedoch nach dem Umsatzanteil der Milch "Ein Herz für Erzeuger" am gesamten Milchumsatz von Netto. Beträgt er 10 Prozent, erhalten die Milchbetriebe ca. 1 Cent zusätzlich. Nur wenn die gesamte Milch bei Netto als "Ein Herz für Erzeuger"-Milch verkauft werden würde, erhielte jeder Milchbetrieb 10 Cent pro Liter.

Der Milch-Marker-Index

Der Milch-Marker-Index (MMI) stellt die tatsächlichen und aktuellen Milcherzeugungskosten in der konventionellen und ökologischen Milcherzeugung unter Einbeziehung eines angemessenen Einkommensansatzes dar. Der MMI ist von daher gut geeint, um sich ein Bild von einem fairen Auszahlungspreis zu machen. Er liefert quartalsweise einen aktuellen Vergleichswert.

Beispiel für Oktober 2021, Bio-MMI: Die Milcherzeugungskosten für Bio-Milch liegen bei 64,39 Cent pro Kilogramm Milch und die Milchauszahlungspreise bei 48,66 Cent pro Kilogramm Milch. Zahlt ein Anbieter von Bio-Milch mehr als die 48,66 Cent pro Kilogramm Milch, so liegt der Auszahlungspreis über dem Durchschnitt. Allgemein gilt: Je näher der Auszahlungspreis an den Milcherzeugungskosten liegt, desto besser.

Fazit und Tipps

Viele Milchbetriebe – ob konventionell oder bio – können Ihre Kosten der Milchproduktion im Auf und Ab der Milchpreise nicht decken. Da liegt das Angebot "fairer Milch" auf der Hand, da der Markt kaum auskömmliche Preise bietet. Natürlich hilft jeder Cent mehr Erlös den Erzeuger:innen. Es zeigt sich jedoch, dass man auch die als "fair" ausgelobten Milchangebote prüfen muss. In der Regel wird tatsächlich ein etwas höherer Milchpreis als bei anderen Milchmarken gezahlt – aber die meisten Marken decken in Zeiten niedriger Marktpreise auch nicht die Kosten der Milchbetriebe, es sei denn, der Preisaufschlag wird erhöht. Schauen Sie auf den Internetseiten der Anbieter, dort finden Sie oft weitere Informationen zu den Milchauszahlungspreisen.