Jungbleiben mit Spermidin?

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Spermidin soll Alterungsprozesse stoppen, vor Demenz schützen und sogar gegen Krebs und das Coronavirus wirken. Wir erklären, warum das nicht so einfach funktioniert.

Das Wichtigste in Kürze:Wirkung nicht erwiesen

  • Spermidin ist eine körpereigene Substanz und auch in vielen Lebensmitteln enthalten.
  • Ein Nutzen durch die Einnahme spermidinhaltiger Nahrungsergänzungsmittel konnte bisher in keiner Studie am Menschen belegt werden.
  • Risiken einer langfristig erhöhten Zufuhr an Spermidin können nicht ausgeschlossen werden.
  • Manche Nahrungsergänzungsmittel enthalten nicht mehr Spermidin als die Lebensmittel, aus denen sie hergestellt wurden (z. B. Weizenkeime), sind aber um ein Vielfaches teurer.
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Was steckt hinter der Werbung für Spermidin?

"Fühl Dich jung" lautet die Devise - ob zur Vorbeugung von Demenz, als Jungbrunnen in puncto Aussehen und Vitalität oder gleich zur Verlängerung der Lebensdauer - Spermidin werden zahlreiche Anti-Aging-Effekte zugeschrieben. Darüber hinaus soll Spermidin vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen und gegen Krebs helfen. Besonders charmant: Mit Spermidin soll dem Körper ein Fastenzustand vorgetäuscht werden, wodurch ohne Nahrungsverzicht die Vorteile des Fastens auf den Stoffwechsel bzw. die zellulären Selbstreinigungsmechanismen genutzt werden könnten.

Gesundheitsbezogene Werbeaussagen für Spermidin sind derzeit nicht zugelassen, was insbesondere Anbieter in Online-Shops oder auf Online-Marktplätzen wie Amazon, Hood oder Ebay häufig ignorieren.

Ein Nutzen durch die Einnahme spermidinhaltiger Nahrungsergänzungsmittel konnte bisher in keiner Studie am Menschen belegt werden.

Daher fühlen sich Vebraucher:innen durch Produkte wie dieses getäuscht.

Was sollte ich bei der Einnahme von Spermidinprodukten beachten?

  • Ein bestimmter Weizenkeimextrakt mit Spermidin ist als neuartiges Lebensmittel (Novel Food) zugelassen und darf unter der Bezeichnung "Weizenkeimextrakt mit hohem Spermidingehalt" in Nahrungsergänzungsmitteln für Erwachsene (Schwangere und Stillende ausgenommen) verkauft werden. Die erlaubte Höchstmenge an Spermidin liegt bei 6 mg pro Tag.
     
  • Spermidinhaltige Nahrungsergänzungsmittel werden häufig in Form von Kapseln mit Weizenkeimextrakten angeboten, in denen das natürlicherweise in Weizenkeimen vorkommende Spermidin angereichert wurde. Aber auch pulverisierte Weizenkeime, die dann nur unwesentlich mehr Spermidin enthalten, als "normale" Weizenkeime aus dem Reformhaus oder dem Supermarkt, werden zu hohen Preisen angeboten und gerne mit dem Begriff "hochdosiert" beworben. Tatsächlich liefern einige dieser Produkte eine Tagesdosis an Spermidin (0,5 mg), die auch mit 2,5 g Cheddar-Käse oder 50 g gekochtem Blumenkohl erreicht würde. Bei einigen Produkten wird die im Weizenkeimextrakt enthaltene Menge Spermidin gleich gar nicht angegeben.
     
  • Als körpereigene Substanz ist Spermidin in Lebensmitteln sehr gut verträglich. Die Einnahme von 1,2 mg Spermidin am Tag über drei Monate führte bei 30 Probanden ebenfalls zu keinen Beschwerden. Dass die langfristige Einnahme hochdosierter Nahrungsergänzungsmittel mit Spermidin keinerlei Risiken birgt, kann daraus jedoch nicht gefolgert werden; die Daten zu einer eventuellen Beeinflussung der Tumorentstehung durch gesteigerte Autophagie (s. u.) sind widersprüchlich.
     
  • Spermidinhaltige Nahrungsergänzungsmittel auf Weizenkeimbasis enthalten häufig zugesetzte Vitamine und Spurenelemente wie Vitamin C, Vitamin E oder Zink. So können Hersteller gesundheitsbezogene Werbeaussagen nutzen, die jedoch mit dem enthaltenen Spermidin nichts zu tun haben. In einer abwechslungsreichen Ernährung sind diese Nährstoffe ausreichend vorhanden – das gilt auch für Spermidin.

Tipp: Essen Sie reichlich Vollkornprodukte, Nüsse und Pilze. Diese enthalten Spermidin in der natürlichen Pflanzenmatrix. Das schadet keinesfalls und hilft vielleicht die kognitiven Leistungen im Alter zu verbessern.

Was ist Spermidin?

Spermidin ist ein biogenes Polyamin, das als Botenstoff in jeder Körperzelle vorkommt. Auch unsere Darmbakterien synthetisieren Spermidin. Eine seiner Funktionen im Zellstoffwechsel ist das "Einschalten" (Induktion) zellulärer Reinigungsprozesse (Autophagie). Spermidin ist auch in vielen Lebensmitteln enthalten. Besonders Weizenkeime, reifer Käse, Pilze, Sojabohnen und andere Hülsenfrüchte enthalten relativ viel Spermidin. Durch Sport, Fasten, Schwangerschaft und akute Infektionen erhöht sich die Menge an Spermidin im Organismus.

Was sagt die Wissenschaft?

Spermidin ist eine für die Wissenschaft interessante Substanz, da sie die zelluläre Autophagie "einschalten" (induzieren) kann. Möglicherweise lassen sich daraus gezielte Therapieverfahren z. B. gegen Infektionskrankheiten, Krebs oder nachlassende geistige Fähigkeiten im Alter entwickeln – zur potenziellen Wirkung von Spermidin existieren derzeit aber nur Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung.
 

Autophagie: Ein Recycling- und Selbstreinigungsprogramm von Zellen, an dem ein komplexes Netzwerk aus Signalen und Proteinen beteiligt ist. Durch Autophagie können eingedrungene Krankheitserreger, fehlgefaltete Proteine (relevant bei neurodegenerativen Prozessen) oder nicht mehr funktionelle Zellbestandteile abgebaut und verwertet werden.


Spermidin und Anti-Aging: Untersuchungen haben gezeigt, dass im Alter die Spermidinkonzentration in den Zellen abnimmt, wodurch das Altern (z. B. neurodegenerative Prozesse) begünstigt werden soll. Im Labor lebten Fadenwürmer und Hefen länger als ihre Artgenossen, wenn sie zusätzliches Spermidin zur Verfügung hatten. Auch in einer (kleinen) Beobachtungsstudie an Menschen konnte eine Assoziation zwischen dem Verzehr spermidinhaltiger Lebensmittel und einer längeren Lebensdauer gezeigt werden. Inzwischen deuten Ergebnisse weiterer Auswertungen dieser Daten an, dass eine vergleichsweise hohe Spermidinzufuhr über Lebensmittel auch eine altersbedingt nachlassende Hirnleistung hinauszögern könnte. An Taufliegen und Mäusen konnte bereits gezeigt werden, dass Spermidin die Funktion der Mitochondrien („Kraftwerke“ der Zellen) des Nervengewebes positiv beeinflussen kann und unter bestimmten Bedingungen Taufliegenhirne langsamer altern lässt. Aus diesen Ergebnissen eine positive Wirkung von Spermidin z. B. in Form von Nahrungsergänzungsmitteln abzuleiten, wäre allerdings falsch: Ergebnisse aus Tierstudien sind auf den Menschen nicht übertragbar, aus klinischen Studien an Menschen liegen derzeit noch keine Ergebnisse zur Wirksamkeit von Spermidin vor. Daran ändern auch wohlklingende Schlagzeilen wie „Spermidin verbessert die Gedächtnisleistung“ nichts.

Die Bioverfügbarkeit von Spermidin im Menschen ist kaum untersucht. Biogene Polyamine werden im Verdauungstrakt zum größten Teil abgebaut, nur geringe Mengen gelangen in den Blutkreislauf. Auch deshalb sind spermidinhaltige Nahrungsergänzungsmittel nicht in der Lage, einen Fastenzustand vorzutäuschen. Zudem sind die Wirkungen des Fastens auf den Körper komplex und können nicht durch Einnahme einer einzigen Substanz simuliert werden. Auch zeigte sich, dass der Verzicht auf spermidinhaltige Lebensmittel die Menge des Spermidins im Blut nicht reduzierte. Spermidin ist also kein Ersatz für das Fasten und auch nicht sinnvoll zur Unterstützung des Fastens.

Spermidin und Corona: (Corona-)Viren hemmen die Autophagie in Zellen, die sie befallen haben. In einer Untersuchung an coronainfizierten Lungenzellen gelang es, mit Spermidin, die Autophagie und damit einen natürlichen Abwehrmechanismus der Zellen teilweise zu reaktivieren. Die in dieser Laborstudie verwendete Konzentration von Spermidin war jedoch so hoch, dass sie im Menschen weder durch eine spermidinreiche Ernährung, noch durch Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln erreicht werden kann. Die Ergebnisse sind auf den Menschen also nicht übertragbar. Deshalb ist es nicht möglich, mit Spermidin eine Covid-19-Erkrankung zu therapieren. Vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 schützt Spermidin ebenfalls nicht.


Quellen:


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