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Beiträge von Politik, Landwirtschaft, Industrie und Handel gegen Lebensmittelverschwendung

Stand:

Lebensmittelverschwendung geht die gesamte Lebensmittelkette an - von der Landwirtschaft bis zum Handel. Bei Verbrauchern entstehen circa 45 Prozent - auf den sonstigen Stationen bis zum Handel 55 Prozent des Lebensmittelmülls. Welchen Beitrag können Politik, Landwirtschaft, Industrie und Handel leisten?

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In der öffentlichen Diskussion werden häufig die Verbraucher als die Verursacher "angeklagt", da sie angeblich das Mindesthaltbarkeitsdatum falsch verstehen und Lebensmittel wegwerfen, die noch verzehrt werden könnten. Aber Verschwendung von Lebensmitteln geht die gesamte Lebensmittelkette an - von der Landwirtschaft bis zum Handel.

 

Politik

Die Politik kann Rahmenbedingungen schaffen, um Lebensmittelmüll in den Stationen bis zum Verzehr zu reduzieren, wie etwa

  • die Kommunikation zwischen den Akteuren verbessern,
  • Maßnahmen für ein besseres Verständnis von MHD und Verbrauchsdatum erlassen,
  • die Förderung von Regional- und Direktvermarktung verstärken.

In NRW diskutiert der "Runde Tisch für Wertschätzung von Lebensmitteln" über Handlungsmöglichkeiten und Lösungsansätze. Zu dieser Runde unter Leitung des Ministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutzes gehören Vertreter des Handels, von Lebensmittelhandwerk und -industrie, der Caritas und Tafeln sowie der Verbraucherzentrale NRW. Das Ministerium beauftragte die FH Münster, die Datenlage für NRW zu erheben, und die Verbraucherzentrale NRW hat Verbraucher nach den Gründen für das Wegwerfen von Lebensmitteln befragt. Die Ergebnisse von 2012 finden Sie hier.
Im April 2012 gab es eine öffentliche Anhörung von Experten im Bundestag zur Lebensmittelverschwendung. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) vergab eine Studie, um bundesdeutsche Daten zu erheben, und hat einen Leitfaden für die Abgabe von Lebensmitteln an soziale Einrichtungen erarbeitet.
2014 hat eine Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes gezeigt, dass fast die Hälfte aller Lebensmittel in der Gastronomie, in Großküchen und beim Eventcatering vorzeitig entsorgt werden. Pro Person werden jährlich 70,5 Kilogramm Lebensmittel in Restaurants, Großküchen oder bei Veranstaltungen bereitgehalten. Davon landen 23,6 Kilogramm (36 Prozent) im Abfall.
Inzwischen hat das EU-Parlament gefordert, die Verschwendung von Lebensmitteln in der EU bis 2025 um die Hälfte zu verringern. Das Bundesverbraucherministerium überbot diese Forderung noch; denn in Deutschland soll die Halbierung bereits bis 2020 erreicht werden. Doch die Ernährungswirtschaft hat bisher nur wenige, meist unverbindliche Vorkehrungen getroffen, so dass dieses Ziel wohl kaum erreicht wird.
Wo die Wirtschaft sich nicht bewegt, ist aus unserer Sicht die Politik gefordert, Quoten zur Reduzierung mit verbindlichen Zielen festzulegen. Doch trotz vieler Studien fehlen bis heute belastbare Daten für die einzelnen Branchen, auf deren Grundlage Ziele für die Reduzierung formuliert werden könnten. Staatliche Regulierung ist für die Bundesregierung auch kein Thema, hat sie in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage im Herbst 2014 wissen lassen. Vielmehr "obliegt es den Wirtschaftsbeteiligten, das Schnittstellenmanagement mit Blick auf eine weitere Reduzierung vermeidbarer Lebensmittelabfälle zu optimieren". Vereinbarungen mit der Wirtschaft, in denen Ziele festgelegt werden, sind danach in den nächsten Jahren auf Bundesebene nicht zu erwarten.

Landwirtschaft

Die Ernteverluste in der deutschen Landwirtschaft umfassen nach Schätzungen ein bis zwei Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr. Aber allein für die Produkte Weizen, Äpfel, Möhren und Kartoffeln wurden über 500.000 Tonnen Ernteverluste pro Jahr ermittelt. Die Gründe dafür sind vielfältig, beispielsweise weil ...

  • die Produkte teilweise untergepflügt werden, wenn sie keinen ausreichenden Preis auf dem Markt erzielen können,
  • sie kleine Macken haben und daher nicht vom Handel abgenommen werden,
  • krummes oder verwachsenes Obst und Gemüse mehr Transportkosten verursachen.

Ein Teil der Lebensmittelabfälle kann als Tierfutter genutzt, kompostiert und als natürlicher Dünger oder in Biogasanlagen zur Energiegewinnung eingesetzt werden.

 

Lebensmittelhandwerk und -industrie

 

Jährlich werden in Lebensmittelhandwerk und -industrie circa zwei Millionen Tonnen Lebensmittel entsorgt. Auch hier gibt es Ansatzpunkte, um Lebensmittelabfälle zu reduzieren

  • Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) sollte nicht mehr als Marketinginstrument genutzt werden - beispielsweise sollte es abhängig sein vom Produktionstag des Produktes und nicht vom Auslieferungstag an den Handel.
  • eine deutliche und verständliche Unterscheidung zwischen Verbrauchsdatum und MHD auf Verpackungen.
  • Verarbeitungsreste sollten als Tierfutter genutzt oder einer energetischen Nutzung zugeführt werden.

Lebensmittelhandel

Im Lebensmittelhandel werden regelmäßig verdorbene, beschädigte Produkte und Nahrungsmittel, bei denen die Gefahr besteht, bald zu verderben, in die Tonne entsorgt. Nach einer - vom Handel selbst in Auftrag gegebenen - Studie liegt die Wegwerfrate bei fünf Prozent; andere Untersuchungen kommen aber zu wesentlich höheren Werten. Der Handel hat vielfältige Möglichkeiten, den Abfall an Lebensmitteln zu verringern.

  • Lebensmittel, die kurz vor oder nach Ablauf des MHD stehen, könnten Händler regelmäßig und flächendeckend zu Sonderpreisen anbieten.
  • Sowohl Obst- und Gemüseauslagen als auch Brotregale sollten nicht noch am späten Abend mit leicht verderblichen Waren aufgefüllt werden, sondern nur bedarfsgerecht mit kleineren Mengen.
  • Die Marktstandards für Obst und Gemüse, für die keine Handelsklassen gelten, sollten überarbeitet werden. So gelten etwa für Gurken keine Handelsklassen mehr - krumme Gurken sind also erlaubt. Trotzdem findet man sie kaum im Handel, da die Handelsunternehmen den Marktstandard "gerade Gurken" vorgeben - sie sind günstiger zu verpacken und zu transportieren.
  • Vergrößerung des losen Sortiments - so wird bedarfsgerechtes Einkaufen möglich.
  • Abgabe an karitative Organisationen, wie beispielsweise "die Tafeln", sollte verstärkt werden.
Im Frühjahr 2014 gab es eine Initiative von Schweden und den Niederlanden, das MHD für lange haltbare Lebensmittel abzuschaffen, um über diesen Weg die Verschwendung von Lebensmitteln einzudämmen. Diesen Vorschlag hat die EU-Kommission aufgegriffen und eine Liste mit folgenden Produkten vorgelegt:
  • Hartwürste, die bei Raumtemperatur gelagert werden können,
  • konservierte Fischprodukte (zum Beispiel in Dosen oder gesalzen),
  • Hartkäse wie Pecorino,
  • Hartweizenprodukte ohne Eier (etwa Makkaroni, Spaghetti),
  • Lebensmittel in Dosen,
  • Couscous, Bulgur und Ähnliches,
  • Kaffee, Tee
  • Gewürze und
  • abgefülltes Wasser.

Die Verbraucherzentrale NRW beurteilt den Vorschlag der EU-Kommission jedoch kritisch. Das Mindesthaltbarkeitsdatum bietet eine unverzichtbare Orientierung. Denn letztlich geht es nicht nur um die Haltbarkeit; mit der Lagerung können auch Qualitätsverluste eintreten. Bei Hartwürsten können etwa bei langer Lagerung die Fettanteile ranzig werden. Tee, Kaffee, Gewürze verlieren an Aroma. Lebensmittel in Dosen verändern die Farbe und nehmen manchmal Fremdgeschmack an.

Bevor das MHD für bestimmte Produkte abgeschafft wird, sollte durch Untersuchungen belegt sein, nach welchen Zeiträumen sich die Qualität erheblich vermindert. Außerdem hätten Verbraucher keinen Anhaltspunkt, wie lange sich das Produkt schon im Handel befindet, bevor es in ihrem Einkaufskorb landet, und wie lange es noch gelagert werden kann.

Immer wieder gibt es Hinweise, dass das MHD kürzer gewählt wird, um den Absatz der Produkte zu fördern. Deshalb halten wir politische Vorgaben für erforderlich, damit allgemein gültige Leitlinien für die jeweiligen Branchen formuliert werden, auf deren Basis die Ernährungswirtschaft das MHD festlegt.

Zudem zielt der Vorstoß, das MHD abzuschaffen, eher auf ein Randproblem der Lebensmittelverschwendung, da die genannten Produkte nur einen geringen Anteil an Lebensmitteln im Müll haben. Der größte Teil der Lebensmittel, die Verbraucher wegwerfen, trägt kein MHD, wie etwa frisches Brot, Obst, Gemüse und Speisereste.