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Aussagekraft des Energieausweises

Stand:

Der Energieausweis soll einen Vergleich der energetischen Beschaffenheit von Gebäuden in ganz Deutschland ermöglichen. Der Ausweis erlaubt jedoch keinen unmittelbaren Rückschluss auf den zu erwartenden Energieverbrauch und die Energiekosten, weil diese von vielen Faktoren abhängen, die sich im Ausweis nicht abbilden lassen. Das Dokument wurde im Laufe der Zeit außerdem stark verändert, was einen Vergleich zusätzlich erschwert.

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Energieverbrauch und -kosten

Der Energieausweis gilt immer für das ganze Wohngebäude. Der Energiebedarf einer einzelnen Wohnung kann merklich davon abweichen. Wohnungen im Erdgeschoss, unter dem Dach oder mit vielen freien Außenwänden haben oft einen deutlich höheren Energieverbrauch, insbesondere wenn das Haus nicht gedämmt ist. Daneben hängt der Energieverbrauch stark von den Witterungsverhältnissen und dem individuellen Heizverhalten der Bewohner ab. Bei einem Bedarfsausweis wird eine durchschnittliche Raumtemperatur von 20 °C angenommen, jedes Grad darüber erhöht den Energieverbrauch um rund sechs Prozent. Die Energiekosten hängen außerdem stark vom verwendeten Brennstoff bzw. Energieträger und der künftigen Preisentwicklung ab, die sich kaum vorhersagen lässt.

Neben dem Kennwert für die Endendenergie ist unterhalb des Bandtachos meist noch ein zweiter Wert ausgewiesen, der mehr oder weniger stark abweicht. Er gibt die Primärenergie an und beinhaltet auch die Verluste, die durch den Abbau, die Lieferung und die Verarbeitung des Energieträgers entstehen. Der Primärenergiekennwert bildet somit die gesamte Kette der Energiebereitstellung ab, also – je nach Brennstoff – von der Ölquelle, dem Bergwerk oder dem Baum bis zur Heizung. Er zeigt die Umweltauswirkungen des Hauses an und ist vor allem aus Gründen des Klimaschutzes von Interesse. Wird das Gebäude mit regenerativen Energien beheizt, ist der Primärenergiekennwert in der Regel besser als der Endenergiekennwert, bei fossilen Brennstoffen wie Öl oder Erdgas ist es umgekehrt. So kann ein Haus mit einer Pelletheizung leicht einen guten Primärenergiekennwert erreichen, bei unzureichender Wärmedämmung aber dennoch Energiekosten wie ein Haus mit schlechterer Bewertung verursachen.

Bedarfs- oder Verbrauchsausweis

Unterschiede bei der Bewertung der energetischen Qualität von Gebäuden ergeben sich auch durch die verschiedenen Berechnungsverfahren, die den beiden Ausweisarten zu Grunde liegen.

  • Beim Bedarfsausweis werden die Energiebedarfskennwerte rechnerisch auf der Grundlage von Baujahr, Bauunterlagen, technischen Gebäude- und Heizungsdaten und unter Annahme von standardisierten Randbedingungen (Klimadaten, Nutzerverhalten, Raumtemperatur) bestimmt.

    Vorteil: Die berechneten Kennwerte sind unabhängig vom individuellen Heiz- und Wohnverhalten der Bewohner.

    Nachteil: Die Genauigkeit und damit die Aussagekraft des Ausweises hängen stark vom Aufwand und von der Exaktheit der Datenaufnahme sowie von der Erfahrung des Ausstellers ab. Günstige Angebote können zu Lasten der Genauigkeit gehen.

  • Beim Verbrauchsausweis werden die Energieverbrauchskennwerte auf der Grundlage von Heizkostenabrechnungen oder anderen geeigneten Verbrauchsdatenmessungen des gesamten Gebäudes ermittelt. Die gemessenen Energieverbräuche, die über einen zusammenhängenden Zeitraum von mindestens drei Jahren vorliegen müssen, werden anschließend über so genannte Klimafaktoren auf einen deutschlandweiten Mittelwert umgerechnet, so dass zum Beispiel besonders harte Winter nicht zu einer schlechteren Bewertung des Gebäudes führen.

    Vorteil: Die Datenerhebung ist in der Regel wesentlich einfacher und weniger fehleranfällig.

    Nachteil: Die Kennwerte sind abhängig vom individuellen Heizverhalten der Bewohner des Gebäudes. Leerstände im Gebäude oder die Gesamtnutzfläche werden mitunter nicht richtig erfasst, was die Ergebnisse verfälscht.


Die Energiebedarfskennwerte des Bedarfsausweises lassen sich nicht direkt mit den Energieverbrauchskennwerten des Verbrauchsausweises vergleichen. Untersuchungen zufolge liegt der Endenergiekennwert eines Verbrauchsausweises um durchschnittlich rund 25 Prozent unter dem eines Bedarfsausweises – für ein und dasselbe Haus! Bei einem Vergleich unterschiedlicher Ausweistypen sollte man diesen Unterschied unbedingt berücksichtigen und das Gebäude mit einem Verbrauchsausweis eher eine Klasse schlechter, das Gebäude mit Bedarfsausweis eher eine Klasse besser einordnen. Beim Verbrauchsausweis muss außerdem beachtet werden, ob der Kennwert den Energieverbrauch für die Warmwasserbereitung enthält. Falls nicht, ist der Wert um eine Pauschale von 20 kWh/(m2a) zu erhöhen.

Vergleichswerte Endenergiebedarf

Um die energetische Qualität des Gebäudes zu beurteilen, sind auf der Skala "Vergleichswerte Endenergie" (Seite 2 und Seite 3 des Ausweises) Durchschnittswerte anderer Gebäude aufgeführt. Ein typischer Neubau benötigt, je nach Gebäudegröße, um die 50 kWh/(m2a) und liegt damit in Klasse A oder B. Der Durchschnitt der Wohngebäude in Deutschland hat einen Verbrauch von rund 160 kWh/(m2a) und befindet sich in Klasse E, während ein unsaniertes Einfamilienhaus typischerweise über 200 kWh/(m2a) verbraucht und damit weit hinten in der Skala, in Klasse G oder H, liegt.

Die Energieeffizienz eines Gebäudes kann anhand der Vergleichsgebäude recht gut eingeschätzt werden. Die Farben des Bandtachos und die Energieeffizienzklassen bieten eine zusätzliche Hilfe. Da bei den Vergleichswerten von Gebäuden mit einem typischen Energieverbrauch ausgegangen wurde, können sie jedoch nur eine grobe Orientierung geben. Je nach Größe, Baujahr und individueller Bauweise kann beispielsweise ein unsaniertes Mehrfamilienhaus auch in einer anderen Effizienzklasse liegen. Die Effizienzklasse steht zudem für die energetische Qualität des Gesamtgebäudes; die Beschaffenheit des Dämmstandards und der Heizungsanlage werden nicht getrennt bewertet. Ohne einen kritischen Blick bei der Besichtigung sowie in die Modernisierungsempfehlungen des Ausweises lassen sich mit den Vergleichswerten allein kaum Aufwand und Kosten für eine energetische Verbesserung des Gebäudes abschätzen.

Vergleichswerte Endenergiebedarf


Die Zuordnung der Vergleichswerte ist nur auf Ausweisen realistisch, die nach dem 1. Mai 2014 ausgestellt wurden, also nach der aktuellen Energieeinsparverordnung 2014. Auf diesen Ausweisen reicht die Skala des Bandtachos von 0 bis 250 kWh/(m2a). Ein Gebäude, das exakt in der Mitte im gelben Farbbereich liegt, benötigt etwa 130 kWh/(m2a). Energieausweise sind in der Regel jedoch zehn Jahre lang gültig. Daher ist noch eine Vielzahl älterer Ausweise in Umlauf. Auf diesen Energieausweisen fehlt für Wohngebäude nicht nur die Effizienzklasse. Auch die Skalierung des Bandtachos solcher Dokumente sowie die Zuordnung der Vergleichswerte waren anders. Die damaligen Einteilungen waren jedoch wenig realistisch. Sie sind für Vergleiche nicht geeignet.

Vorsicht beim Vergleich älterer Ausweise

Energieausweise richten sich immer nach der zum Zeitpunkt ihrer Ausstellung gültigen Energieeinsparverordnung (EnEV). Eingeführt wurden die Ausweise für den Gebäudebestand mit der EnEV 2007, die seither bereits zweimal novelliert wurde. Mit den beiden Novellen in den Jahren 2009 und 2014 wurde auch das Ausweisformular verändert, was einen Vergleich unterschiedlich alter Ausweise außerordentlich erschwert. Die Zuordnung eines Energieausweises zur entsprechenden Verordnung ist über das Ausstellungsdatum möglich, das auf der ersten Ausweisseite steht.

Ausweise, die zwischen 2007 und September 2009 ausgestellt wurden, richteten sich nach der EnEV 2007.

Die Skala des Bandtachos reichte von 0 bis weit über 400 kWh/(m2a). Exakt in der Mitte der Skalierung, schon im gelb-grünen Farbbereich, lag ein Gebäude mit einem Energieverbrauch von 230 kWh/(m2a). Läge für dieses Gebäude ein neuer, nach 1. Mai 2014 ausgestellter Ausweis vor, wäre es weit hinten im roten Bereich der Klasse G zugeordnet. Der Vergleichswert für den Energiebedarf eines "energetisch gut modernisierten Einfamilienhauses" wurde auf dem damaligen Ausweis mit 200 kWh/(m2a) angegeben. Dieser Wert war viel zu hoch, denn ein solches Haus hatte noch immer ein enormes Energieeinsparpotenzial. Bei einem neuen Ausweis nach EnEV 2014 steht an fast gleicher Stelle daher nun das "energetisch nicht wesentlich modernisierte Einfamilienhaus" als Vergleichsmaßstab.

Energieausweis Vergleichswerte nach der EnEV 2007
Energieausweis: Vergleichswerte nach der EnEV 2007


Für Ausweise, die zwischen Oktober 2009 und April 2014 ausgestellt wurden, galt die EnEV 2009.

Die Skalierung des Bandtachos unterschied sich nur geringfügig von älteren Ausweisen. Ein Gebäude, das exakt in der Mitte des Farbbands zugeordnet war, hatte einen Endenergiekennwert von 215 kWh/(m2a). Es wäre bei einem neuen Ausweis nach aktueller EnEV 2014 ebenfalls der Klasse G zugeordnet. Deutlicher unterschieden sich aber die Vergleichswerte. Der Energiebedarf eines typischen "energetisch gut modernisierten Einfamilienhauses" wurde nun schon mit nur 150 kWh/(m2a) angegeben. Dieser Wert war allerdings immer noch viel zu hoch angesetzt. Zum Vergleich: Bei einem neuen Ausweis wird für ein "energetisch gut modernisiertes Einfamilienhaus" ein Kennwert von rund 85 kWh/(m2a) genannt.

Energieausweis Vergleichswerte nach der EnEV 2009
Energieausweis Vergleichswerte nach der EnEV 2009


Will man Energieausweise miteinander vergleichen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten ausgestellt wurden, sollte man sich an den exakten Endenergiekennwerten orientieren. Die Skalierungen des Bandtachos und damit die Zuordnung der Kennwerte zu den Farbbereichen – von grün über gelb nach rot – wurde in den vergangenen Jahren mehrfach verändert. Da früher ausgestellte Ausweise aber oft noch gültig sind, reicht es nicht aus, sich nur den ungefähren Farbbereich einzuprägen, über dem der Pfeil für den Endenergiekennwert steht, also nach dem Motto: "ist noch im grünen Bereich". Auf Nummer Sicher geht, wer sich zusammen mit dem Wert auch das Ausstellungsdatum notiert. Für eine realistische Einschätzung des Energieverbrauchs sind nur die Vergleichswerte auf den Ausweisformularen der aktuellen EnEV 2014 geeignet.

Energieausweis: Vergleich der Farbbänder von neuen und älteren Energieausweisen.
Energieausweis: Vergleich der Farbbänder von neuen und älteren Energieausweisen.

Die Grafik zeigt den Vergleich der Farbbänder von neuen und älteren Energieausweisen. Da frühere Ausweise keine Klasseneinteilung aufwiesen, wurden zur Veranschaulichung die Klassen entsprechend der Kennwerte in das Farbband montiert. Während bei einem nach dem 1. Mai 2014 erstellten Ausweis die schlechteste Klasse H weniger als ein Zehntel des Farbbands ausmacht (Abb. oben), nimmt sie bei früheren Dokumenten über ein Drittel des Bandtachos ein (Abb. unten). Das Beispiel eines Gebäudes, das mit einem Kennwert von 180 kWh/(m2a) der Effizienzklasse F zugeordnet ist, zeigt die unterschiedliche Anordnung des Pfeils in den beiden Ausweisformularen.