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Was Verbrauchern beim Fleisch wichtig ist

Stand:

Bei der Werbung für Fleischprodukte können sich Verbraucher auf Angaben zu Haltungsbedingungen nicht verlassen. In der Masse an blumigen Werbebotschaften gehen aussagekräftige Informationen einfach unter.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Fleischwerbung mit Begriffen wie "artgerecht" vermittelt oft ein falsches Bild, nachvollziehbare Kriterien fehlen.
  • Unsere repräsentative Umfrage zeigt: Haltungskennzeichnungen des Handels sind weitgehend unbekannt.
  • Es braucht dringend mehr Transparenz und klare Regeln für die Werbung, wenn es um artgerechte Tierhaltung geht.
Jemand schiebt einen Einkaufswagen am Fleischregal im Supermarkt vorbei.
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In der Werbung tauchen häufig Begriffe wie "artgerecht" und "Tierwohl" auf. Was vielen nicht klar ist: Das hat kaum eine verbindliche Bedeutung. Klare gesetzliche Vorgaben gibt es für solche Begriffe nicht – und auch Hersteller und Händler bleiben Details oft schuldig.

Wenn im Supermarkt Fleischverpackungen mit solchen Begriffen und Fotos von glücklichen Tieren in freier Natur bedruckt sind, können Sie also dennoch Produkte bekommen, die kaum mehr als die gesetzlichen Mindestanforderungen zur Tierhaltung erfüllen.

Die Aufmachung der Fleischprodukte weckt aber die Verbrauchererwartung, dass sie tatsächlich aus artgerechter Tierhaltung stammen. Es gehört zur Werbestrategie des Handels, hier keine klaren Kriterien zu nennen, um die Produkte besser vermarkten zu können. Das zeigt eine repräsentative forsa-Umfrage mit 1005 Personen im Auftrag der Verbraucherzentralen.

Fakten zur Umfrage

  • Teilnehmer: 1005 Befragte
  • Alter: von 18 bis 86 Jahre
  • Befragungszeitraum: 15. bis 19. November 2018
  • Erhebung: Repräsentative Online-Befragung mit computergestützten Online-Interviews (CAWI) durch forsa Politik- und Sozialforschung GmbH, Berlin

Die Zahlungsbereitschaft ist durchaus da: Schon frühere Umfragen haben gezeigt, dass die Mehrheit der Deutschen für mehr Tierschutz durchaus höhere Preise zahlen würde.

Werbung vermittelt ein falsches Bild

In unserer aktuellen Umfrage wird vor allem eines deutlich: Der Handel nutzt bewusst viele verschiedene Werbebotschaften und Verpackungsgestaltungen, um die wahre Tierhaltung zu verschleiern. Es macht deshalb bei den von uns gewählten Beispielen kaum einen Unterschied, wie viel Tierschutz tatsächlich dahinter steckt: Etwa die Hälfte der Befragten glaubt den Werbebotschaften, die andere Hälfte misstraut ihnen.

Tatsächlich können Verbraucher beim Einkauf selbst ja gar nicht überprüfen, wie die Haltungsbedingungen von Schlachttieren waren und ob die Fleischprodukte in dieser Hinsicht ihre Erwartungen erfüllen. Sie sind deshalb auf glaubwürdige Informationen angewiesen.

Bei Fleischprodukten unter dem Slogan "Herzenssache Geflügel…aus artgerechterer Haltung. Initiative Tierwohl" (Netto Marken-Discount) erwarten z.B. 51 Prozent der Befragten, dass diese aus artgerechter Tierhaltung stammen. Dabei steckt nicht viel dahinter: Klare Kriterien werden von Netto nicht genannt. Es wird Fleisch beworben, das nur minimal mehr als die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllt.

Bei einer Werbung mit "Für mehr Tierwohl" (Kaufland) sieht das Ergebnis ähnlich aus – auch hier erwarten 58 Prozent der Befragten, dass mehr als der Mindeststandard dahinter steckt. In diesem Fall geht es um tatsächlich tiergerechter erzeugte Produkte.

Umfrageergebnisse zur Initiative Tierwohl
Umfrageergebnisse zu Für mehr Tierwohl

Haltungskennzeichnungen des Handels weitgehend unbekannt

2018 haben mehrere Handelsketten eigene, vierstufige "Haltungskennzeichnungen" für Frischfleisch ihrer Eigenmarken von Schweinen, Rindern, Hühnern und Puten eingeführt: Von Stufe 1 "Stallhaltung nach gesetzlichem Standard" bis Stufe 4 "Bio- bzw. Premium-Standard". Wie unsere Umfrage zeigt, ist diese Klassifizierung jedoch weitgehend unbekannt.

Nur 17 Prozent der Befragten geben an, die Haltungskennzeichnung auf Fleischverpackungen schon einmal gesehen zu haben.

Auch die Stallhaltung nach gesetzlichem Standard stößt bei den Befragten auf wenig Vertrauen: 80 Prozent stufen diese Tierhaltung eher nicht oder auf keinen Fall als artgerecht ein.

Umfrageergebnisse zu Labeln des Handels
Umfrageergebnisse zu Stufe 1 im Label des Handels

Verbraucher suchen Orientierung beim Einkauf von Fleisch

Obwohl sie weitgehend unbekannt ist, hält mehr als die Hälfte der Befragten (55 Prozent) eine Haltungskennzeichnung für eher hilfreich beziehungsweise sehr hilfreich für den Kauf von Fleisch aus artgerechter Haltung. Bei den Jüngeren unter 45 Jahre meinen das sogar fast drei Viertel.

Aus unserer Sicht zeigen die Ergebnisse, dass Verbraucher eine verständliche und vollständige Kennzeichnung für eine informierte Kaufentscheidung benötigen, und zwar für alle Fleischarten. Sinnvoll ist eine gesetzliche Regelung, erkennbar an einem einheitlichen Bildzeichen auf der Schauseite des Produkts. Außerdem muss dieses Kennzeichnungssystem amtlich überwacht werden, sonst ist es nicht verlässlich.

*Die in dieser Befragung gezeigten Beispiele der Fleischwerbung stammen aus Prospekten des Handels, die im Rahmen eines bundesweiten Marktchecks der Verbraucherzentralen in der Zeit vom 11.07. bis 24.08.2018 erfasst wurden. Dabei wurden bewusst Werbebeispiele ausgewählt, die Hinweise auf eine artgerechte Haltung oder Tierwohl enthalten. Die Auswahl der Beispiele ist stichprobenartig ohne Anspruch auf Repräsentativität und Vollständigkeit.

Zu aktuellen Plänen für ein staatliches Label

Am 6. Februar 2019 hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner das staatliche Tierwohlkennzeichen-System vorgestellt. Es soll ein solches Kennzeichen in drei Stufen geben - zunächst nur für Fleisch von Schweinen.

Das neue staatliche Tierwohllabel ist freiwillig und sieht drei Stufen vor: Stufe 1 bringt zwar Verbesserungen über die gesetzlichen Mindeststandards hinaus, im Ergebnis aber nur zu geringe Verbesserungen für die Haltung von Schweinen. 20 Prozent mehr Platz im Stall reichen nicht aus, um von mehr Tierwohl zu sprechen. Es kann allenfalls ein erster zeitlich begrenzter Schritt sein. Mit den Stufen 2 und 3 können deutlichere Fortschritte bei der Haltung von Schweinen erreicht werden.

Dazu ein Statement von Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv):

"Handel und Gastronomie stehen nun in der Verantwortung, entsprechende Angebote vorzuhalten. Für den Verbraucher muss am Produkt erkennbar sein, für welche Stufe beim Tierwohl er bezahlt. Ab 2020 brauchen wir nur noch eine Tierwohlkennzeichnung, um keine Verwirrung zu stiften. Das Bundesministerium muss nun auch die Chance nutzen, insgesamt für mehr Tierwohl zu sorgen. Für alle Tierarten muss es gesetzliche Mindeststandards geben."