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Herzlich willkommen im neuen Internetauftritt der Verbraucherzentrale! Wir haben viel getan - hier stellen wir die Neuerungen vor.

50 Jahre Ernährungsberatung der Verbraucherzentrale NRW

Stand:
Bus für mobile Ernährungsberatung in den späten siebziger Jahren

Mobile Ernährungsberatung 1978: Der "Verbraucher-Express" der Verbraucherzentrale NRW mit Agnes Kühne-Jungk.

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Von Anfang an stand das Zusammenspiel in der Familie, wie sie sich ernährt und wie sie wirtschaftet im Mittelpunkt der Arbeit der Ernährungsberatung der Verbraucherzentrale NRW, die ab Mitte der 1960er-Jahre ihre Arbeit aufnahm. Ging es zunächst noch bei dem Beispiel Kartoffeln um die Frage, wie viel Haushaltsgeld für fünf Pfund heimische Erdäpfel am Gemüsestand berappt werden musste und wie die Hausfrau die tollen Knollen gut eingekellert durch den Winter und als leckere Sättigungsbeilage auf den Teller brachte, drehen sich die heute benötigten Informationen im Haushalt um viel komplexere Fragen: Wo kommen die Kartoffeln her? Mit welchen Haltbarmachern sind die Freuden vom Acker behandelt? Welche High-Tech-Verfahren sorgen außerdem dafür, dass Speisekartoffeln heute fix und fertig als Chips, Fritten, Kroketten, Röstis oder Trockenflocken im Handel angeboten werden? Und wie gesund oder schädlich ist diese allgegenwärtige Verfügbarkeit für Mensch und Umwelt?

Privathaushalten mit Rat und Tat beim Lebensmitteleinkauf und -konsum in der sich rasant entwickelnden Marktwirtschaft zur Seite zu stehen – das hatte sich die Verbraucherzentrale NRW zum Ziel gesetzt, als im September 1967 die erste festangestellte Ernährungsberaterin Agnes Kühne-Jungk mit ihrer Arbeit begann. Preisvergleiche und Einkaufsberatung, Warenkunde, das Zusammenstellen von gesunden und preiswerten Rezepten sowie hauswirtschaftliche Kurse prägten in den 60er-Jahren den Arbeitsalltag der ersten Ernährungsberaterin.

Obwohl die Verbraucherzentrale NRW Anfang der sechziger Jahre schon auf die Arbeit von ein Dutzend Verbraucherberatungsstellen zählte, konnte von einer flächendeckenden Verbraucherarbeit im bevölkerungsreichsten Bundesland noch keine Rede sein. Mit einem wöchentlich aktualisierten Marktbericht unter anderem über Kartoffel-, Gemüse-, Eier- und Fleischpreise, Dia-Vorträgen und Wanderausstellungen ging die Ernährungsberaterin mit ihrem Kleinbus „Verbraucher-Express“ in Nordrhein-Westfalen auf Tour, um möglichst vielen Verbraucherinnen und Verbrauchern ein bewusstes Einkaufsverhalten in der Marktwirtschaft schmackhaft und sie zu gut informierten Konsumenten zu machen.

Ernährungsberaterin vor dem Beratungsbus 1968

1968: Der erste "Verbraucher-Express" mit der Studentin Barbara Schmidt, die in ihren Semesterferien damit durch NRW fuhr.

VW-Bus mit Ernährungsberatung in den 70-er Jahren

Mobile Ernährungsberatung in den 70-er Jahren: Der "Verbraucher-Express" der Verbraucherzentrale NRW mit Agnes Kühne-Jungk.

Wolfgang Schuldzinski (Vorstand der Verbraucherzentrale NRW), Agnes Kühne-Jungk (ehemalige Ernährungsberaterin der Verbraucherzentrale NRW) und Michael Hülsenbusch (Abteilungsleiter Verbraucherschutz im Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen)

Blicken auf 50 Jahre Ernährungsberatung der Verbraucherzentrale NRW zurück (von links): Wolfgang Schuldzinski (Vorstand der Verbraucherzentrale NRW), Agnes Kühne-Jungk (ehemalige Ernährungsberaterin der Verbraucherzentrale NRW) und Michael Hülsenbusch (Abteilungsleiter Verbraucherschutz im Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen).

Bus für mobile Ernährungsberatung in den späten siebziger Jahren

Mobile Ernährungsberatung 1978: Der "Verbraucher-Express" der Verbraucherzentrale NRW mit Agnes Kühne-Jungk.

Bus für mobile Ernährungsberatung im Jahr 1980

"Verbraucher-Express" 1980: Mobile Ernährungsberatung auf dem Wochenmarkt

Ernähungsberaterin Renate Rosendahl mit Plakaten in den siebziger Jahren

Renate Rosendahl, Ernährungsberaterin der Verbraucherzentrale NRW, klärt über das Thema "Mogelpackungen" in den 70-er Jahren auf.

Wochenmarkt in den achtziger Jahren mit Ernährungsberatung

Der "Verbraucher-Express" zusammen mit der Landwirtschaftskammer NRW auf einem Wochenmarkt, 1981

Ernährungsberaterinnen am Telefon in den achtziger Jahren

Telefonaktion 1983 zum Thema Kinderernährung mit den Ernährungsberaterinnen Ursula Tenberge-Weber (li.) und Doris Gräfe.

Die Ernährungsberaterinnen Ursula Tenberge-Weber (li.) und Doris Gräfe von der Verbraucherzentrale NRW im Oktober 2017.

Die Ernährungsberaterinnen Ursula Tenberge-Weber (li.) und Doris Gräfe von der Verbraucherzentrale NRW im Oktober 2017.

Ernährungsfachleute mi Beratungstelefon in den achtziger Jahren

August 1983: Telefonaktion zum Thema Ernährung

Geben deutsche Haushalte heutzutage rund 14 Prozent ihres Budgets für Lebensmittel aus, machte dieser Anteil in den 1970er-Jahren rund ein Viertel des Monatseinkommens aus. Ein Schwerpunkt der Ernährungsberatung lag deshalb in den frühen Jahren auf der Wirtschaftsgeldberatung, bei der über das „Auskommen mit dem Einkommen“ – sprich: über die zweckmäßige Verwendung der dem Haushalt zur Verfügung stehenden Geldmittel informiert wurde. Den Ernährungsberaterinnen stellte sich hierbei die Frage, wie sie Haushalten mit knapper Kasse preisgünstige Gerichte schmackhaft machen konnten.

Neben der persönlichen Beratung startete die inzwischen aus weiteren hauptamtlichen Mitarbeiterinnen bestehende Gruppe Ernährung bereits in den Anfangsjahren erste Vorstöße zur verbraucherpolitischen Interessenvertretung: In Gesprächen mit Ministerien und mit Vertretern der Fleischwirtschaft wurde beispielsweise die schwierige Lage am Fleischmarkt erörtert, die seit Ende der 50er-Jahre zu kontinuierlichen Preissteigerungen führte. Der Konflikt mündete im Sommer 1973 in einen öffentlichen Aufruf zum Fleischverzicht. Metzger reagierten darauf mit Sonderangeboten und Preisnachlässen.

In den kommenden Jahren gesellten sich als Reaktion auf verunsichernde Lebensmittelskandale – wie etwa Glykol im Wein, Nitrat im Salat und gepanschtem Olivenöl – verstärkt Fragen des gesundheitlichen Verbraucherschutzes zum Arbeitsfeld der Ernährungsberatung hinzu. Der Schutz vor Schadstoffen in der Nahrung, Aufklärung über mögliche gesundheitliche Gefahren durch bestimmte Inhaltsstoffe, Herstellungs- und Verarbeitungsverfahren, die Forderung nach transparenter und ausreichender Kennzeichnung sowie das Aufdecken von falschen Werbeversprechen mit gesundheitsbezogenen Aussagen bestimmten fortan den Arbeitsalltag der Ernährungsberaterinnen. 1982 beginnt der Ratgeberverkauf mit der Broschüre „Gärtnern ohne Gift“.

Höhepunkt der Skandale und Wendepunkt in der Verbraucherarbeit war der Ausbruch des BSE-Skandals: Nachdem im November 2000 die ersten Fälle von Rinderwahnsinn (BSE) aufgrund der damaligen Fütterungspraxis in der Bundesrepublik publik wurden, war das Vertrauen vieler Verbraucher in Fleischprodukte innerhalb kürzester Zeit zerstört. Mit neutralen Sachinformationen sowie durch Tipps zum Kauf und Umgang mit Fleisch über eine BSE-Hotline, per E-Mail oder in Beratungsgesprächen trugen die Ernährungsberaterinnen der Verbraucherzentrale NRW mit dazu bei, die Besorgnis und Verunsicherung von Ratsuchenden aufzufangen.

Anti-Matsch-Tomaten, schimmelpilzfreier Mais oder Zucker aus manipulierten Rüben – in den 90-er Jahren wurde über Anbau und Vermarktung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln in Deutschland diskutiert. Die Verbraucherzentrale NRW positionierte sich in etlichen Stellungnahmen und Aufklärungskampagnen kritisch zu Gen-Food und forderte eine eindeutige Kennzeichnung sämtlicher gen-behandelter Zutaten von Lebensmitteln, die aus dem Ausland in den deutschen Handel gelangten. Denn Verbraucher sollten klar erkennen können, was ihnen im Handel aufgetischt wird.

Technisch immer ausgeklügeltere Produktionsweisen, der zunehmende Handel mit Lebensmittelwaren aus aller Welt, das Zusammenwachsen des europäischen Binnenmarktes und die Veränderungen in den Lebens- und Ernährungsweisen bescherten den Konsumenten ein riesiges Angebot an Lebensmitteln. Industriell hergestellte Produkte liefen den bisherigen Erzeugnissen aus der Landwirtschaft immer stärker den Rang ab. Was gesund ist und wie viel man essen und trinken soll, aber auch unter welchen Bedingungen Lebensmittel hergestellt und vermarktet werden – solche Fragen bestimmten von nun an den Ernährungskonsum der Verbraucher. Die Verbraucherzentrale NRW informierte zu Themen wie Bestrahlung von Lebensmitteln, Fertiggerichte mit sättigenden und konservierenden Zusatzstoffen oder dem wachsenden Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln. Mensch und Umwelt standen nun im Zentrum eines nachhaltigen und klimaschonenden Konsums. Die Ernährungsberaterinnen warben in Vorträgen, Kursen sowie in Publikationen und im Internet für eine ökologische und regionale Produktion sowie für eine saisonale Nutzung von Lebensmitteln.

Was bei Schülerinnen und Schülern mittags auf den Tisch kommt, wird in den 2000er-Jahren immer mehr zum Thema in Nordrhein-Westfalens Schulen. Die Ernährungsberaterinnen der Verbraucherzentrale NRW geben Kitas, Schulen, Eltern und Caterern, die sich für eine gesunde Mittagsverpflegung engagieren, hierzu schon seit Jahren ihr Beratungs-Know-How und ein umfangreiches Informationspaket an die Hand. Ihr Ausgangspunkt: Kinder, denen es schmeckt und die sich ausgewogen ernähren und beim gemeinsamen Essen in ihrer Mensa wohlfühlen, lernen besser und verbringen auch den Nachmittag gerne in der Schule.

Nun im 21. Jahrhundert angekommen, landen jährlich enorme Mengen noch genießbarer Lebensmittel im Müll, viele Nahrungsmittel werden Tausende von Kilometer transportiert, bevor sie bei den Konsumenten auf dem Teller landen. Die allgegenwärtige Verfügbarkeit und der Überfluss an Essen und Trinken führen bei vielen Konsumenten zu einer Rückbesinnung auf den Wert von Lebensmitteln. Mit vielen Anstößen und Angeboten zum Mit- und Nachmachen ist das Projekt MehrWert der Verbraucherzentrale NRW unermüdlicher Ideenlieferant für mehr Wertschätzung von Lebensmitteln und Ernährung. Ratsuchende erhalten  bei öffentlichen Aktionen vielfältige Anregungen für eine klimafreundliche Ernährung und einen ressourcenschonenden Konsum.